Niklaus Schmid


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Das Formentera-Schwein


Nein, nichts gegen Touristen, sie sind ja meine Kunden. Ich stehe auf Formenteras sogenanntem Hippiemarkt, immer mittwochs und sonntags. Wie lange schon? Nun, seit Bob Dylan hier in einer Mühle Blowin’ in the Wind geschrieben hat. Ist ein Scherz, da war ich noch nicht geboren. Falls es überhaupt stimmt, das mit Bob Dylan.
Jedenfalls lesen es die Besucher in den Reiseberichten und ich soll ihnen dann erklären, in welcher Mühle er gewohnt hat. Sie stellen ständig dieselben Fragen: »Wo kann man auf der Insel gut essen?« »Leben Sie das ganze Jahr hier?« Und wenn ich nicke, kommt regelmäßig die Bemerkung: »Muss toll sein, dauernd in der Sonne, bei uns reicht es nur für vierzehn Tage.« Das sagen Leute, die eine Firma haben und in einer Villa wohnen. Und dann versuchen sie, den Preis für das Bild herunterzuhandeln.
Ich koloriere Grafiken, die Rezepte enthalten. Insgesamt zwölf einheimische Gerichte, immer mit passender Illustration ...

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Das Manuskript


Das Wichtigste beim Schreiben, sagt mein Kollege Fred Neuendorf, sei die Recherche, das Darstellen auch kleinster Details. Da bin ich anderer Meinung: Wichtig ist das Weglassen. Nun, Neuendorf schreibt dicke Kriminalromane, ich bin Dichter.
Erst neulich haben wir darüber gesprochen. Es war spät am Abend, und die einzige Ausbeute des Tages waren ganze vier Zeilen. Neuendorf lachte darüber, er habe gerade noch mal zehn Seiten zu den übrigen 500 in den PC gehämmert und sei mit seinem neuen Roman jetzt nahezu fertig.
„Warum geht es denn?“
„Das werde ich Ihnen doch nicht sagen, Herr Kuhn. Das weiß keiner, nicht einmal mein Verleger.“
Später verriet er mir dann doch, warum es ging: „Eine Mafia-Story, wie mit den ersten Gastarbeitern in den Sechzigerjahren auch die organisierte Kriminalität südländischer Prägung in Deutschland ihren Einzug hielt.“


Mogge und die Mitfahrer


Der eine, den sie Kinki nannten, trug ein Polyesterhemd mit ausgebeulter Hose, die zwei Handbreit über den Klettsandalen endete. Der zweite holte aus einer schwarzen Aktentasche, wie sie Geschäftsreisende benutzen, eine Tupperdose mit Apfelstückchen. Der dritte, der neben mir saß, verströmte den Duft eines Seifenspenders aus der Bahnhofstoilette. Der vierte in dem Abteil des ICE war ich. Und dann gab noch die Frau, die mir gegenüber saß und ein Katzenkörbchen auf dem Schoß hielt.

Wir alle waren auf dem Weg nach Hannover, angeblich für umsonst, wie man im Ruhrpott sagt. Wir alle waren Kinkis Freunde oder authentischer gesprochen, wir waren dem Kinki seine Freunde. So hatte er uns das in Duisburg am Bahnhof eingebläut: "Wegen der Fahrscheinkontrolle."

Kinki bezog, wie ich bei meiner ersten Fahrt mit ihm erfahren hatte, Harzt IV und besaß eine Monatskarte, auf der er samstags vier Freunde mitnehmen durfte ...


Linda und der Calgon-Mann


Ich sah es ihm an. Mein Boss hatte einen Plan. Er musste ihn in den langen Wochen, in denen unser letztes Werk wie Blei in den Regalen der Videotheken lag, ausgeheckt haben. Jetzt sprach er mich an: "Fred, der älteste Beruf, na?"
"Prostitution."
"Richtig. Und der zweitälteste?"
"Faustkeile schnitzen?" Ich versuchte, witzig zu sein.
Er ganz ernst: "Äh-äh. Faustkeile klauen. Wir aber nennen es Transport. Das heißt, wir werden Dinge, die uns nicht gehören, von Platz A zu Platz B bewegen, ohne den ursprünglichen Besitzer um Erlaubnis zu fragen."
Das hörte sich natürlich viel besser an als klauen, rauben oder stehlen. Ich war beeindruckt, von seinem Talent den Dingen einen erfreulichen Namen zu geben, wieder einmal. Wie damals, als er vom rapide wachsenden Markt für Erwachsenenfilme sprach. Davon später mehr.
Jetzt ging es um unseren neuen Geschäftszweig ...


Oase der Stille


Karturs einziger Ruhepol war seine Lebensgefährtin Daniela. Sie machte seine Buchhaltung und bewachte das Telefon, daneben sollte sie für ihn schön sein und auf ihn warten. Letzteres war sogar ihre Hauptbeschäftigung. Denn Kartur war ständig auf dem Sprung. Er hatte seine Finger in vielen Geschäften, einige gingen bis hart an die Grenze des Erlaubten, ein paar auch darüber hinaus.
"Hat sich der Interessent nun gemeldet oder nicht?", wollte Karturs Kölner Kontaktmann wissen.
"Ich muss mal kurz im Büro nachfragen, Sekunde."
(…)
Kartur hatte die Kamera so angebracht, dass sie von der Eingangsseite auf die Rückwand zeigte. Durch die Scheiben konnte man recht gut, wenngleich etwas verzerrt, die Sträucher und die Gräser sehen, die um Danielas Fischteich wuchsen. Nicht selten tauchten Libellen auf, umschwirrten den Teich und kamen, angezogen von den gläsernen Wänden, dem Gewächshaus nahe.
Doch heute bot sich ihm ein anderer Anblick …


Auf Weihnachtsengel schießt man nicht

So hatte sich Gottfried Born die Weihnachtswoche nicht vorgestellt. Schneeregen am Montag, am Dienstag rammte ihn ein Radfahrer, heute der Ärger mit dem Hausbesitzer, und die Rente war auch noch nicht
eingetroffen.
In dieser verzweifelten Stimmung erreichte er seine Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, das aus besseren Zeiten stammte, jetzt aber einen recht schäbigen Eindruck machte. Außen bröckelte der Putz von der Fassade, innen wucherte der Hausschwamm, und von der hohen Stuckdecke tropfte das Wasser. Weil der Besitzer nichts reparieren ließ, war die Hälfte der Mieter bereits ausgezogen.
"Ich bleibe!", murmelte Born trotzig und stieß die Tür auf.
Er griff nach dem Lichtschalter. Die Glühbirne in der Deckenlampe leuchtete auf; doch heute verbreitete sie nur schummriges Licht. Es war wie verhext.
Borns zweiter Griff galt der Kornflasche. Es gab eben Tage, an denen half, um nicht gänzlich zu verzweifeln, nur ein kräftiger Schluck.
"Trinkst du immer allein?", fragte eine helle Stimme.
Born setzte die Flasche ab, ganz vorsichtig drehte er sich um. In seinem alten Polstersessel saß ein Engel, knapp mannsgroß und goldblond, ein Flügel war leicht abgeknickt, der andere stand aufrecht ...

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Hör zu, du Weihnachtsmann!


"Ziegen, Zucker!", schnauzte der Kommissar. "Sie waren dabei, als ein Mann, bekleidet mit schwarzen Stiefeln und rotem Mantel, an einem Baum hochgezogen wurde, sich etliche Knochen brach und mit dem Kopf gegen einen Ast schlug."
"Ja, aber …"
"Was, aber? Der Mann hat nun riesige Gedächtnislücken, singt in der Reha-Klinik Weihnachtslieder und Sie erzählen mir hier was von Ziegen, Zucker und Zoo."
"Ja, aber …"
"Schon wieder aber?"
Florian Woinowitsch ärgerte sich, dass der Polizist ihn nicht zu Wort kommen ließ, sagte dann aber nur: "Das hängt doch alles miteinander zusammen, die zehn Ziegen mit den zehn Zentnern Zucker und der Zucker mit dem Zoo …"
Der Kommissar beugte sich über die Gegensprechanlage. "Schicken Sie den Nächsten rein! Was heißt hier wen? Den mit den Krücken und den vielen Gedächtnislücken."

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Zahltag für den Nikolaus

Sein Gesicht unter dem riesigen Bart juckte. Er schwitzte. Der rote, mit weißem Pelz besetzte Mantel war schwer. Überdies hatte sich Marcel Schröer die Oberarme und Hüften mit Kissen ausgestopft. Von einem Weihnachtsmann erwarteten die Leute ein bestimmtes Format.
Betont schwerfällig stapfte er, hier und da einem Passanten zunickend, über die Fußgängerzone. Im Eingang des großen Kaufhauses blieb er stehen und hielt nach einem Polizisten oder einem privaten Wachmann Ausschau. Aus den Belüftungsgittern traf ihn ein unangenehm warmer Luftstrom, Weihnachtsmusik vom Endlosband drang durch die Bommelmütze in sein Ohr, doch ansonsten schien die Luft rein zu sein.
Entschlossen stieß er die gläserne Pendeltür auf und ging zur Rolltreppe. Niemand schien ihn bewusst wahrzunehmen, weder die Frauen mit den Paketen und Einkaufstüten in den Armen noch die Verkäuferinnen. Zwei Tage vor Heiligabend war den Leuten der Anblick von Weihnachtsmännern sehr vertraut.
Die Personalabteilung befand sich im oberen Stockwerk ...

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Hier bleibe ich!


Die beiden wollen also verkaufen. Seit Tagen kommen Leute, die sich das Haus ansehen; na, mir soll's recht sein, wäre dann nicht mehr so viel allein und rauswerfen können sie mich nicht, da hab ich ja das Versprechen ihres Onkels. Der gute Erwin wusste, dass sie mich sonst in ein Altenheim abschieben würden. Die beiden mögen mich nicht, haben sich nie die Mühe gemacht, mich zu verstehen, wie's der gute Erwin tat, der verstand mich ganz genau; nur wenn's kompliziert wurde, musste ich schon mal das eine oder andere Wort aufschreiben.
Wir hatten uns immer was zu erzählen, am meisten natürlich über den Krieg, die lange Zeit im Feldlazarett, wo wir aufwachten, nachdem die Granate - rums!, bums! Glück gehabt, war mein erster Gedanken, obwohl ich weder hören noch sprechen konnte und Erwin viele Wochen blind war. So lagen wir nebeneinander in den Krankenbetten, wie zwei gestrandete Fische, bis Erwin eines Tages auf einem Stück Packpapier ein großes A malte und immer wieder mit den Fingerspitzen darüber strich, bevor er es mir überreichte.
Unter dem A sah ich sechs Einstiche, von denen der eine links oben kräftiger und deutlicher fühlbar war, wenn ich die Fingerkuppen über das Blatt wandern ließ. Das war der Anfang unserer Unterhaltung: Sticheln und Fühlen ...

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Lieben Sie Katzen, Herr Nachbar?


"Mit so einem Traumwagen bin ich noch nie gefahren", sagte die Frau und blickte voller Bewunderung auf den in Folie verpackten Ferrari. Ihre rauchige Stimme war noch einen Hauch kehliger geworden.
Der Mann horchte auf. Plötzlich betrachtete er die Frau mit ganz anderen Augen.
Sie war groß und schlank und trug ein enges schwarzes Kleid mit breitem roten Gürtel. Ihr halblanges Haar war dunkel und glatt, ihr Gesicht kühl und beherrscht: eine Frau, die selbst im Sommer glaubhaft Pelzmäntel vorführen könnte, überlegte der Mann.
Überhaupt konnte er sich eine Menge bei ihr vorstellen, so sehr beflügelte sie nun seine Fantasie. Für eine Journalistin war sie recht stark geschminkt, fast etwas nuttig, aber das gefiel ihm.
Die Frau ließ den Ringblock, in dem sie während des Interviews Notizen gemacht hatte, in ihrer Schultertasche verschwinden und kramte
stattdessen eine Zigarettenspitze hervor. Sie riss den Filter von einer Zigarette und begann zu rauchen, in einem altmodischen Stil, der jedoch zu ihr passte.
"Ich selbst habe ihn auch nur einmal gefahren", sagte der Mann, eine Hand lässig in der Hosentasche seines Maßanzugs, der die gleiche Grautönung wie sein Schläfenhaar hatte. "Vom Händler bis zu dem Pavillon hier, den ich für das Schätzchen extra haben bauen lassen - und das war's dann."
"Reizt es Sie nicht ein zweites Mal?"



Endstation Kärwe


Was das mit dem schwäbischen Essen und der Weikersheimer Kärwe zu tun hat - so zwischen Tür und Angel kann ich das nicht beantworten. Da muss ich schon etwas weiter ausholen. Legen Sie Ihren Mantel ab, setzen Sie sich, denn ich habe Zeit, viel Zeit, mehr Zeit als mir lieb ist.
Also, auf die Idee hat uns der Mongole gebracht. Jungs, hat er gesagt, ihr hängt hier auf dem Weikersheimer Marktplatz herum, trinkt billiges Dosenbier, stopft euch diesen Fraß rein. Wie wär's mit Piña Colada, fangfrischem Hummer, Hühnchen in Kokos-Bananensoße und das Ganze serviert von netten Mädchen unter Palmen?
Wie? Ach, richtig, Sie kennen den Mongolen ja nicht.
Nun, bevor er damals bei uns auftauchte, kannten wir ihn auch nicht. Wann das war? Vor etwa einem halben Jahr. Kalt war es und regnerisch, aber er, der Mongole, kam in einem Cabrio angerauscht, Verdeck offen, braun gebrannt, fremd sah er aus, ein bisschen wie dieser Fußballspieler mit dem messerscharfen Kinnbart, sprach ein seltsames Deutsch.
"Klein Spiel gefällig?" Er hielt uns, also Ulli Hornschuh, mir und den anderen eine Tüte mit Weintrauben entgegen, mittelgroße von der weißen Sorte, wie sie hier angebaut wird. "Isse nich zum Essen, versuche schlucken, krisse Euro."
Wir haben es versucht, hatten ja sonst nichts zu tun ...


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Railway to Hell


Meine Familie, ständig hat sie an mir was auszusetzen. Luigi, deine Weibergeschichten, du bist ein Träumer. Luigi, warum trinkst du so viel? Jetzt ist dein Führerschein weg. Was wirst du machen? Wie willst du ohne patente deinem Beruf nachgehen?
Na, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sage ich, wie Hunderttausende andere auch.
Luigi, fehlt nur noch, dass du dir eine blonde Frau nimmst, sagen sie.
Ja, warum eigentlich nicht, denke ich, während ich wieder in diesem bescheuerten Zug, der Hellweg-Bahn, sitze und mir durch das Fenster die Landschaft anschaue. Flaches Land, Nieselregen fällt auf Äcker und Weiden und lässt die Industriebrachen noch trostloser aussehen, Windräder in der Ferne. Dieser Regen,
maledetto! Ich vermisse die Sonne, das Grün der Orangen- und Olivenbäume, den Duft der blühenden Macchia. San Luca ist weit.
Stattdessen Dortmund. Jetzt schon den dritten Tag ...

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Ischia - Traum und Trauma

Wie ein Schatten glitt das Boot über das tiefblaue Wasser. Während Wolfram Klesse hin und wieder den Kurs korrigierte oder das Hauptsegel dichter holte, ließ er seinen Blick entlang der felsigen Küste von Ischia schweifen. Die letzte Ortschaft lag zwei Meilen hinter ihm, die Häuser, die sich als weiße Flecken vor dem goldbraunen Hintergrund abhoben, wurden weniger. Hinter ihm lagen nun auch die Strände mit den Sonnenschirmen, den Windsurfern und dem Kindergeschrei. Eine sanfte Brise umwehte ihn, er spürte Salzgeschmack auf den Lippen.
Zum ersten Mal, seit er den Hafen von Neapel verlassen hatte, konnte Klesse den Törn so richtig genießen. Da war keine Stimme, die ihn auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machte, die Texte aus einem Kunstreiseführer zitierte, die ihn mit Zahlen über historische Schlachten und Altertümer anödete. Bis auf das Rauschen der Bugwelle entlang der Bordwand, einem gelegentlichen Möwenschrei und dem leichten Knattern des Focksegels war es herrlich still an Bord der Nina - denn Marga, Klesses Frau, lag in ihrer Koje und war die leiseste und sanftmütigste Ehefrau, die sich ein Mann nur wünschen konnte.
Marga schlief. Schon seit Stunden. Und sie würde noch lange schlafen.
"Ideal!", entfuhr es Klesse. "Hier wird es passieren ..."

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Aktualisiert am 15. November 2017 | kontakt@niklaus-schmid.de

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