Niklaus Schmid


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Hör zu, du Weihnachtsmann!


"Ziegen, Zucker!", schnauzte der Kommissar. "Sie waren dabei, als ein Mann, bekleidet mit schwarzen Stiefeln und rotem Mantel, an einem Baum hochgezogen wurde, sich etliche Knochen brach und mit dem Kopf gegen einen Ast schlug."
"Ja, aber …"
"Was, aber? Der Mann hat nun riesige Gedächtnislücken, singt in der Reha-Klinik Weihnachtslieder und Sie erzählen mir hier was von Ziegen, Zucker und Zoo."
"Ja, aber …"
"Schon wieder aber?"
Florian Woinowitsch ärgerte sich, dass der Polizist ihn nicht zu Wort kommen ließ, sagte dann aber nur: "Das hängt doch alles miteinander zusammen, die zehn Ziegen mit den zehn Zentnern Zucker und der Zucker mit dem Zoo …"
Der Kommissar beugte sich über die Gegensprechanlage. "Schicken Sie den Nächsten rein! Was heißt hier wen? Den mit den Krücken und den vielen Gedächtnislücken."

"Herr Korte, Sie kennen Ihre Situation: Verstoß gegen das Artenschutzgesetz, Einbruch, Diebstahl, Handel mit Schurkenstaaten, dazu Steuerhinterziehung - die ganze Palette. Zeigen Sie sich kooperativ, dann kann ich vielleicht was für Sie tun."
"Ich will ja gern, so weit ich mich erinnern kann."
"Fangen wir an! Der an der Tat Beteiligte Florian Woinowitsch behauptet, dass die Sache mit irgendwelchen Ziegen und ein paar Zentnern Zucker zusammenhängt ..."

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Auf Weihnachtsengel schießt man nicht

So hatte sich Gottfried Born die Weihnachtswoche nicht vorgestellt. Schneeregen am Montag, am Dienstag rammte ihn ein Radfahrer, heute der Ärger mit dem Hausbesitzer, und die Rente war auch noch nicht
eingetroffen.
In dieser verzweifelten Stimmung erreichte er seine Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses, das aus besseren Zeiten stammte, jetzt aber einen recht schäbigen Eindruck machte. Außen bröckelte der Putz von der Fassade, innen wucherte der Hausschwamm, und von der hohen Stuckdecke tropfte das Wasser. Weil der Besitzer nichts reparieren ließ, war die Hälfte der Mieter bereits ausgezogen.
"Ich bleibe!", murmelte Born trotzig und stieß die Tür auf.
Er griff nach dem Lichtschalter. Die Glühbirne in der Deckenlampe leuchtete auf; doch heute verbreitete sie nur schummriges Licht. Es war wie verhext.
Borns zweiter Griff galt der Kornflasche. Es gab eben Tage, an denen half, um nicht gänzlich zu verzweifeln, nur ein kräftiger Schluck.
"Trinkst du immer allein?", fragte eine helle Stimme.
Born setzte die Flasche ab, ganz vorsichtig drehte er sich um. In seinem alten Polstersessel saß ein Engel, knapp mannsgroß und goldblond, ein Flügel war leicht abgeknickt, der andere stand aufrecht.
Born schloss die Augen, öffnete sie wieder - das Bild blieb.
"Noch nie einen Weihnachtsengel gesehen?"
"Wie ... was ... warum ...?" Ihm fehlten die Worte.
"Immer die dieselben Fragen. Durchs Fenster bin ich gekommen, und helfen will ich dir", lispelte der Engel.
Oder besser die Engelsfrau ...

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Lieben Sie Katzen, Herr Nachbar?


"Mit so einem Traumwagen bin ich noch nie gefahren", sagte die Frau und blickte voller Bewunderung auf den in Folie verpackten Ferrari. Ihre rauchige Stimme war noch einen Hauch kehliger geworden.
Der Mann horchte auf. Plötzlich betrachtete er die Frau mit ganz anderen Augen.
Sie war groß und schlank und trug ein enges schwarzes Kleid mit breitem roten Gürtel. Ihr halblanges Haar war dunkel und glatt, ihr Gesicht kühl und beherrscht: eine Frau, die selbst im Sommer glaubhaft Pelzmäntel vorführen könnte, überlegte der Mann.
Überhaupt konnte er sich eine Menge bei ihr vorstellen, so sehr beflügelte sie nun seine Fantasie. Für eine Journalistin war sie recht stark geschminkt, fast etwas nuttig, aber das gefiel ihm.
Die Frau ließ den Ringblock, in dem sie während des Interviews Notizen gemacht hatte, in ihrer Schultertasche verschwinden und kramte
stattdessen eine Zigarettenspitze hervor. Sie riss den Filter von einer Zigarette und begann zu rauchen, in einem altmodischen Stil, der jedoch zu ihr passte.
"Ich selbst habe ihn auch nur einmal gefahren", sagte der Mann, eine Hand lässig in der Hosentasche seines Maßanzugs, der die gleiche Grautönung wie sein Schläfenhaar hatte. "Vom Händler bis zu dem Pavillon hier, den ich für das Schätzchen extra haben bauen lassen - und das war's dann."
"Reizt es Sie nicht ein zweites Mal?"
"Kaum." Er hob die Schultern.
"Nicht mal eine kleine Spazierfahrt?" Ihre Hand folgte den Linien der Karosserie, und der Mann zuckte innerlich zusammen, weil ihre Fingernägel rot lackiert und spitz gefeilt wie Krallen waren.
"Eine Spazierfahrt mit einem Ferrari der limitierten Edition", sagte er bedächtig, "das wäre so, als würde ich Sie mit einer Zeichnung von Paul Klee zu einem Gartenfest einladen."
"Könnte mich beeindrucken", sagte die Frau, während sie mit dem Mittelfinger ihrer rechten Hand das Firmenemblem auf der Haube, ein springendes Pferd, nachzeichnete.
"Was wäre Ihnen eine Spazierfahrt denn so wert?", fragte der Mann. Als ein in vielen Verhandlungsschlachten erprobter Geschäftsmann wusste er, dass die Konditionen von vornherein klar sein mussten.
"Viel", sagte die Frau und lächelte. "Sehr viel."
Der Mann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Zwar würde so eine Spazierfahrt eine Menge Umstände bereiten - doch die Frau war diesen Aufwand wert.
"Morgen Nachmittag?"
Die Frau nickte. "Bis morgen dann, Herr Dr. Stockheim ..."


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Endstation Kärwe


Was das mit dem schwäbischen Essen und der Weikersheimer Kärwe zu tun hat - so zwischen Tür und Angel kann ich das nicht beantworten. Da muss ich schon etwas weiter ausholen. Legen Sie Ihren Mantel ab, setzen Sie sich, denn ich habe Zeit, viel Zeit, mehr Zeit als mir lieb ist.
Also, auf die Idee hat uns der Mongole gebracht. Jungs, hat er gesagt, ihr hängt hier auf dem Weikersheimer Marktplatz herum, trinkt billiges Dosenbier, stopft euch diesen Fraß rein. Wie wär's mit Piña Colada, fangfrischem Hummer, Hühnchen in Kokos-Bananensoße und das Ganze serviert von netten Mädchen unter Palmen?
Wie? Ach, richtig, Sie kennen den Mongolen ja nicht.
Nun, bevor er damals bei uns auftauchte, kannten wir ihn auch nicht. Wann das war? Vor etwa einem halben Jahr. Kalt war es und regnerisch, aber er, der Mongole, kam in einem Cabrio angerauscht, Verdeck offen, braun gebrannt, fremd sah er aus, ein bisschen wie dieser Fußballspieler mit dem messerscharfen Kinnbart, sprach ein seltsames Deutsch.
"Klein Spiel gefällig?" Er hielt uns, also Ulli Hornschuh, mir und den anderen eine Tüte mit Weintrauben entgegen, mittelgroße von der weißen Sorte, wie sie hier angebaut wird. "Isse nich zum Essen, versuche schlucken, krisse Euro."
Wir haben es versucht, hatten ja sonst nichts zu tun. Mit einem bisschen Würgen und einem Schluck aus der Flasche klappte es auch. Tatsächlich gab er dann jedem von uns einen Euro. "Isse leicht verdientes Geld, oder?", fragte er und setzte, als er unsere erstaunten Mienen sah, hinzu: "Könnte mehr sein, viel, viel mehr. Viertausend auf Hand, wenn ihr schafft …"
Klar, war ein Haken dabei, warten Sie's ab.
Also, noch einmal: "Viertausend auf Hand, wenn ihr schafft achtzig Stück", sagte der Mongole später, als die anderen gegangen waren, zu Hornschuh und mir. Doch es kam noch besser. Vorher würde man uns zwei Wochen Urlaub spendieren - Flug, Essen, Trinken, alles inklusive - und obendrein fünfhundert Euro Taschengeld.
"Fünfhundert?", wiederholte Hornschuh.
"Sagt ich doch. Biste dabei?" Er zeigte auf Hornschuhs dicken Bauch. "Trauste dich?"
Und ob wir uns trauten ...


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Railway to Hell


Meine Familie, ständig hat sie an mir was auszusetzen. Luigi, deine Weibergeschichten, du bist ein Träumer. Luigi, warum trinkst du so viel? Jetzt ist dein Führerschein weg. Was wirst du machen? Wie willst du ohne patente deinem Beruf nachgehen?
Na, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sage ich, wie Hunderttausende andere auch.
Luigi, fehlt nur noch, dass du dir eine blonde Frau nimmst, sagen sie.
Ja, warum eigentlich nicht, denke ich, während ich wieder in diesem bescheuerten Zug, der Hellweg-Bahn, sitze und mir durch das Fenster die Landschaft anschaue. Flaches Land, Nieselregen fällt auf Äcker und Weiden und lässt die Industriebrachen noch trostloser aussehen, Windräder in der Ferne. Dieser Regen,
maledetto! Ich vermisse die Sonne, das Grün der Orangen- und Olivenbäume, den Duft der blühenden Macchia. San Luca ist weit.
Stattdessen Dortmund. Jetzt schon den dritten Tag. Grauer Himmel, graue Häuser, graue Gesichter. Eine Frau mit Einkaufswägelchen, eine andere, die mit einem Hund spricht, ein Mann in bunter Radlerkleidung, Schulkinder, Arbeiter. Der Kerl mit dem Schnauzbart da drüben, der saß gestern schon auf demselben Platz, hält eine Aktentasche auf dem Schoß, wahrscheinlich stecken eine Thermosflasche und eine Butterbrotdose darin. Bestimmt ist er auf dem Weg zu irgendeiner schlecht bezahlten Arbeit, hat einen Stall voller Kinder zu Hause und eine Frau, die auf eine neue Kücheneinrichtung spart. Was für ein bescheuertes Spießerleben ...!

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Ischia - Traum und Trauma

Wie ein Schatten glitt das Boot über das tiefblaue Wasser. Während Wolfram Klesse hin und wieder den Kurs korrigierte oder das Hauptsegel dichter holte, ließ er seinen Blick entlang der felsigen Küste von Ischia schweifen. Die letzte Ortschaft lag zwei Meilen hinter ihm, die Häuser, die sich als weiße Flecken vor dem goldbraunen Hintergrund abhoben, wurden weniger. Hinter ihm lagen nun auch die Strände mit den Sonnenschirmen, den Windsurfern und dem Kindergeschrei. Eine sanfte Brise umwehte ihn, er spürte Salzgeschmack auf den Lippen.
Zum ersten Mal, seit er den Hafen von Neapel verlassen hatte, konnte Klesse den Törn so richtig genießen. Da war keine Stimme, die ihn auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machte, die Texte aus einem Kunstreiseführer zitierte, die ihn mit Zahlen über historische Schlachten und Altertümer anödete. Bis auf das Rauschen der Bugwelle entlang der Bordwand, einem gelegentlichen Möwenschrei und dem leichten Knattern des Focksegels war es herrlich still an Bord der Nina - denn Marga, Klesses Frau, lag in ihrer Koje und war die leiseste und sanftmütigste Ehefrau, die sich ein Mann nur wünschen konnte.
Marga schlief. Schon seit Stunden. Und sie würde noch lange schlafen.
"Ideal!", entfuhr es Klesse. "Hier wird es passieren ..."

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Aktualisiert am 16. Mai 2012 | kontakt@niklaus-schmid.de

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