Niklaus Schmid


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März Teil 2

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Formentera
Eine Insel auf dem Weg zur Legende


Auszüge aus "Formentera - Der etwas andere Reiseführer"


Wie war das noch mal mit dem Wikingerprinz Sigurd, den maurischen Piraten und Bob Dylans Schafwollpullover? Diesen Fragen gehe ich in meinem Buch "Formentera - Der etwas andere Reiseführer" nach. Mal berichte ich aus der Vergangenheit, beispielsweise von den Phöniziern, die auf der Insel die ersten Salzbecken bauten, oder von den Arabern, die ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem anlegten. Dann wieder springe ich zurück in die Gegenwart, erwähne neuzeitliche Legenden, schreibe über die Tier- und Pflanzenwelt oder erzähle Geschichten von Künstlern und Charakterkäuzen. Auszüge, wie gesagt, und zwar im monatlichen Wechsel.

März Teil 2

Die hübsche Ureinwohnerin ...


Die Eidechsen sind die wahren Ureinwohner der Insel. Sie waren schon lange vor den Menschen da, was man von den anderen wilden Landtieren nicht mit Sicherheit sagen kann. Igel und Wildkaninchen, Ratte, Landschildkröte und Gartenschläfer wurden womöglich erst mit den Siedlern hergebracht. Groß ist die Anzahl der Landtiere nicht. Die Ursache habe ich mir erklären lassen:

Als vor fünf Millionen Jahren die Festlandverbindung abbrach, saß alles, was nicht fliegen konnte, auf den Pityusen in einer Falle. Bei Waldbränden und Überschwemmungen, bei großer Hitze und extremer Kälte gab es kaum Auswege. Verstecken konnten sich da nur kleine Tiere, wie eben die Eidechsen. Ein paar Millionen Jahre lang waren sie wohl so etwas wie eine Familie; zwar leicht unterschiedlich in der Größe, im Aussehen jedoch ziemlich gleich.

... der Insel ...


Als dann aber nach der letzten Eiszeit das Wasser im Mittelmeer stieg, unterbrach es die Landverbindung zwischen den beiden Pityuseninseln Ibiza und Formentera sowie zu den vorgelagerten Inseln Es Vedrà und Tagomago, und es entwickelten sich eigenständige Arten, 32 sollen es sein. Die Podarcis pityusensis formenterae, wie sie wissenschaftlich heißt, gibt es nur auf Formentera und sonst nirgendwo auf der Welt. Diese hübsche Ureinwohnerin der Insel, grün mit blauen Zierstreifen an der Flanke, ist größer als ihre Artgenossin auf der Schwesterinsel Ibiza.

In den Dünen und im baumlosen Norden Formenteras gibt es zudem eine Unterart, die sich der Umgebung mit einem sandfarbenen Kleid angepasst hat, und auf der nur durch einen schmalen Wasserarm von Formentera getrennten Insel Espalmador schmückt sich eine Verwandte mit violett schimmernden Schuppen. Selbst das Inselchen Espardell hat seine eigene Eidechsenart, und die lebt in wahrhaft paradiesischen Zuständen, denn die Insel ist von Menschen unbewohnt.

... in freier Natur


Jörne kannte alle Arten. Er kannte auch ihre Schlupfwinkel und ihre Vorlieben. Jörne war Maler, aber weil er von seinen Bildern nicht leben konnte, fing er Eidechsen. Er stellte Gläser mit Resten von Marmelade oder Rotwein bei den Natursteinmauern auf. Angelockt von dem süßen Duft krochen die Mini-Saurier hinein und kamen, weil sie an der glatten Glaswand abrutschten, nicht mehr heraus. Hatte Jörne hundert Eidechsen zusammen, packte er sie in einen Karton und verschickte sie an Zoohandlungen in Deutschland.

In den kalten Frachträumen der Flugzeuge verfielen die Tiere in Starre, und ehe sie wieder munter wurden, befanden sie sich in einem Terrarium in Deutschland. Das ging so lange gut, bis eines Tages ein Streik den zügigen Transport unterbrach. Die Eidechsen erwachten vorzeitig aus ihrer Starre, wurden munter und fraßen sich durch den Karton. Da der Karton zufällig in einer Zollstelle stand, krochen einem erstaunten Beamten plötzlich Dutzende von Eidechsen über den Schreibtisch.
Jörnes Geschäft war gelaufen.

Die Mini-Saurier in freier Natur zu beobachten, das ist ja auch viel schöner.

Fortsetzung folgt

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Aktualisiert am 20. März 2017 | kontakt@niklaus-schmid.de

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