Niklaus Schmid


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Neue Story 2019

Neue Story 2019


Dir bleibt wenig Zeit

„Guten Abend! Bohnhoff ist mein Name. Ja, bitte?“
...Er hat eine ruhige Stimme, dachte die Anruferin, angenehmer als die des Mannes von der Telefonseelsorge. Er nennt seinen Namen. Und dennoch, was bringt es. Ihr Finger schwebte schon über der Taste, um die Verbindung zu unterbrechen, als sie hörte: „Hallo, sprechen Sie doch bitte. Es ist nicht schön, wenn man angerufen wird und keiner sagt etwas.“
...„Ich ... ich will auch gar nicht viel sprechen. Ich wollte Ihnen eigentlich nur sagen, dass ich ... dass ich Schluss machen will ... mit dem Leben. Ich will mich erschießen.“

*

„Sicher sind Sie sehr unglücklich, Frau ...?“
...„Nein, bin ich gar nicht.“
...„Aber weshalb wollen Sie so etwas tun?“
...„Ich weiß es nicht. Es gibt keinen bestimmten Grund. Ich bin's einfach nur leid.“
...„Was sind Sie leid?“
...„Alles. Das Leben. Ich musste das jemandem sagen. Deshalb hab ich ... weil ... ach, ich weiß nicht warum. Oder doch: Ich habe mal in einer Anzeige den Satz gelesen Ihr Anruf bei uns kann ein Leben retten – Ihr eigenes. So oder ähnlich. Ein guter Werbespruch. Aber was soll's. Ich habe gar nicht erwartet, dass Sie mir helfen können.“ Hastig, weil sie sich des Widerspruchs bewusst wurde, fügte sie hinzu: „Trotzdem vielen Dank. Ich habe mich ja schon lange entschlossen.“
...„Es sind immer nur Sekunden, in denen die Menschen zu diesem Schritt wirklich entschlossen sind.“
...„So?“ Weil ihre Stimme mutlos und zugleich

überheblich klang, sagte sie: „Ich lege jetzt auf.“
...
„Warten Sie bitte! Ein Glas Wein. Rauchen Sie eine Zigarette.“
...„Wie banal! Und dann?“
...„Anschließend tun Sie etwas Ungewöhnliches, etwas, wozu Ihnen bisher der Mut gefehlt hat, irgend etwas.“
...„Da weiß ich schon was.“
...„Nein, nein! Alles, aber eben nur das Eine nicht.“ Hastig warf er ein: „Besuchen Sie Freunde, jetzt gleich!“
...„Freunde? Die sehen einen lieber, wenn man lachend die Tür öffnet, nicht in solch einer Situation.“
...„Meist ist das so. Stimmt. Leider. Machen Sie eine längere Reise, ungeplant, riskieren Sie mal was!“
...„Warum?“
...„Damit Sie um Ihre Ruhe, womöglich gar einen Moment lang um Ihr Leben bangen, damit Sie das Leben wieder schätzen lernen.“
...„Ich bin nicht ängstlich.“

**

...„Mag sein. Andererseits hat jeder Mensch mal Angst, nur eben vor ganz verschiedenen Dingen. Ich zum Beispiel habe jetzt Angst davor, dass Sie einhängen. Ich möchte, dass Sie …“
...„Sie möchten mich zum Widerspruch reizen“, unterbrach sie ihn, ziemlich harsch, weil sie wusste, dass er recht hatte. Denn auch sie hatte Angst. Angst, in ihrem Entschluss wankend zu werden. „Ich möchte nicht diskutieren“, sagte sie, diesmal klang es fast wie eine Entschuldigung.
...„Verstehe. Nur noch eines: Kämpfen Sie für eine Sache! Es gibt so viele Ungerechtigkeiten, so viel Elend, es gibt Aufgaben zu erledigen, für sich und andere. Glauben Sie uns! Wir haben unsere Erfahrungen.“
...„Wir? Uns? Sagen Sie mir: Warum machen Sie sich diese Mühe, mit Menschen wie mir?“
...„Weil wir, weil ich Gleichgültigkeit hasse. Wenn man anderen gegenüber gleichgültig ist, wird man auch sich selbst gegenüber gleichgültig. Hallo, hören Sie?“

...„Ich bin müde.“
...„Legen Sie nicht auf. Geben Sie mir noch Ihren Namen und Ihre Anschrift.“
...„Nein, ich möchte nicht, dass unter Umständen jemand vorbeikommt.“
...„Dann wenigstens Ihre Rufnummer. Bitte!“
...Was hab ich nur angerichtet?, ging ihr durch den Kopf. Du hättest nicht anrufen sollen. Jetzt macht sich ein anderer Mensch um dich Sorgen. Gib ihm wenigstens das Gefühl, seine Zeit nicht verschwendet zu haben. Mechanisch nannte sie die Zahlen: „drei zwei, acht null, zwei acht.“
...„Die Vorwahl? Der Ort? Hallo, sind Sie noch da? Hallo, hallooo …“
...Darauf wollte sie schon nicht mehr antworten. Es war genug. Keine Anrufe. Keine spontane Reise, keine Wohltätigkeit, die sich hinterher womöglich noch als Fehler erweisen sollte.

Fortsetzung folgt...

***


Aktualisiert am 15. Februar 2019 | kontakt@niklaus-schmid.de

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