Niklaus Schmid


Direkt zum Seiteninhalt

La Digue

Neue Story Nr. I I<<<


Fluchtpunkt La Digue

Nach einem langweiligen Kongress, bei dem sich unsere Blicke mehrmals getroffen hatten, kam die Kollegin zu mir und fragte, ob wir es mal miteinander versuchen sollten. Also schliefen wir miteinander. Unsere Hotelzimmer lagen auf derselben Etage. Ich blieb bei ihr.
...Gegen Morgen, es war noch dunkel vor den Fenstern, meldete sich ihr Handy. Das zeitgemäße Signal zum Aufbruch. Ich tastete nach meinen Sachen.
...„Nein, nein, bleib nur“, sagte sie mit Blick auf den Absender. „Eine Patientin, ich habe ihr erlaubt, mich jederzeit anzurufen. Sie befindet sich auf den Seychellen. Dort müsste es schon ein paar Stunden später sein. Könnte ein Notruf sein“, sagte sie mit besorgter Miene, doch gleich darauf: „Ach, nein, nur eine Kurzmitteilung von ihr. Mein Partner, der Kriegsfotografen behandelt, die sich vor der Dunkelheit fürchten, hatte die Patientin zu mir geschickt. Eines dieser jungen Dinger, hochgewachsen, rothaarig, sehr hübsch, sehr dünn ...

**

Aus, vorbei!, dachte Jill. Nein, keine Fotos mehr, keine Reisen um den halben Globus. Schluss mit dem zwanghaften Kalorienzählen und den schlechten Träumen.
...Von Reizüberflutung und Burnout hatte die Psychologin gesprochen und ihr am Ende der Sitzung zu einer Auszeit geraten: Für eine Weile keine Termine. Leben Sie in den Tag hinein, ohne an den nächsten Auftrag zu denken. Lernen Sie mal Menschen außerhalb der Werbebranche kennen. Den Zeitpunkt und den Ort, an dem Sie bleiben wollen, müssen Sie selbst wählen. Rufen Sie mich an, wenn Sie sich entschlossen haben oder meine Betreuung benötigen. Ansonsten – schalten Sie das Handy aus, hatte die Psychologin ihr noch mit auf den Weg gegeben.
...Ja, Ort und Zeitpunkt sind gekommen, entschied sie jetzt.

Und es war, als hätte sich von einer Minute zur anderen die Umgebung verändert. Den weißen Sandstrand, die Segeljacht, die hinter dem Korallenriff ankerte, und die Kokospalmen, die in den Tropenhimmel ragten, all das betrachtete sie auf
einmal mit anderen Augen. Die Granitfelsen, grau und glatt, die sie bis dahin nur als Hintergrund für die Bademode gesehen hatte, erinnerten sie nun an Elefantenrücken.
...„He, Jill! Was ist los mit dir?“
...„Ort und Zeitpunkt sind gekommen“, murmelte sie.
...„Gut, sehr gut! Nun stell dir vor, dass du eine Himbeere zwischen den Lippen hältst!“, rief der Mann. „So, ja, genau so.“ Er drückte den Auslöser der Kamera, ging in die Hocke, drückte noch einmal.
...Die Fotos waren im Kasten.

***

...„Hat ja doch noch geklappt“, sagte er wenig später, als sie die La Digue Island Lodge betraten. „Mit etwas Glück können wir den Flug umbuchen.“
...„Ich weiß nicht, Benno.“
...„Wäre doch prima. Dann könnten wir nämlich noch den Pelzauftrag in Frankfurt durchziehen, bevor wir mit dem Wäschejob in Hamburg anfangen.“
...Jill schloss die Augen. Sie versuchte den Gedanken, der ihr am Meer gekommen war, weiterzuspinnen. Ihr Herz schlug, weil sie ahnte, dass die Entscheidung ihr Leben verändern würde.
...Der Fotograf kam von der Rezeption zurück. „Alles klar. Morgen nehmen wir die Fähre zur Hauptinsel Mahé und übermorgen sind wir schon in Frankfurt, reißen den …“
...„Benno“, unterbrach ihn Jill. „Ich komme nicht mit nach Mahé. Ich bleibe! Hier auf La Digue!“
...„Warum um Himmels willen …?“
...„Weil ich’s leid bin, immer nur Flughäfen zu sehen und Hotels und zwischendurch eine schiefe Palme. Ich will leben. Leben!“
...„Leben? Du hast einen Traumjob.“
...„Und dies ist eine Trauminsel, meine Trauminsel.“
...„Tja, schöne Landschaft, aber sonst ist nichts los.“
...„Genau deswegen bleibe ich hier.“
...„Na, dann viel Glück!“

...„Kann ich auch woanders unterkommen?“, fragte Jill den Jungen, der das Gepäck mit einem Ochsenkarren zur Fähre gebracht hatte. „Es soll für länger sein.“
...Der Junge ging in das Hotel, wo Jill und Benno gewohnt hatten. Nach einer Weile kam er wieder, gab dem Ochsen einen Klaps und bog in einen schmalen Weg ein. Er deutete auf seine Brust: „Claude.“ Nachdem Jill ihren Namen genannt hatte, wiederholte er ihn mehrmals: „Jill, Jill!“, rief er krächzend, flatterte mit den Ellbogen wie ein flügellahmer Vogel und lachte.
...Das Haus, das er ihr am Ende des Weges zeigte, war ein zweistöckiges Gebäude im Kolonialstil, aus Stein gebaut und größer als alle Häuser, die Jill bisher auf der Insel gesehen hatte. Claude nannte es das Farmhaus. Auf den Stufen der Freitreppe wucherte Gras, Kletterpflanzen arbeiteten sich die Wände hoch, auch innen war das Haus stark heruntergekommen.
...„Warum wohnt niemand hier?“, wollte Jill wissen.
...Claudes Blick wanderte über die hohe Decke und zu den angrenzenden Räumen, als wolle er sich vergewissern, dass niemand anwesend sei. „Grigri ... Voodoo“, sagte er schließlich und rollte dabei dermaßen übertrieben mit den Augen, dass Jill sich ein Lachen nicht verkneifen konnte.
bald geht es weiterb

****

Während der Junge Jills Reisetasche holte, durchstreifte sie die Zimmer. Ein summendes Geräusch ließ sie aufhorchen, es kam aus einem Wandschrank. Als Jill die Tür aufriss, schwirrten ihr Wespen entgegen. In Panik, weil sich einige in ihrem Haar verfangen hatten, stürzte sie ins Freie.
...Claude nahm einen Palmwedel und ging ins Haus. Nach einer Weile sah Jill Rauch aus einem der Fenster quellen. Sie rannte die Treppe hoch. „Du sollst sie nicht töten!“, schrie sie den Jungen an, der ihr mit dem brennenden Palmwedel entgegenkam.
...Einige Dutzend Wespen lagen mit versengten Flügeln auf dem Boden. Fasziniert betrachtete Jill die Wabe, einen braungelben Klumpen, in dem sich weiße Larven regten.
...Und dann entdeckte sie etwas anderes: Einen Stapel Bücher, die, wie Jill nach flüchtigem Durchblättern feststellte, in einer skandinavischen Sprache geschrieben waren.
...Enttäuscht, weil sie nichts lesen konnte, wollte sie die Bücher zurückstellen, als etwas, das auf dem Schrank-
boden lag, ihre Aufmerksamkeit erregte. Nachdem sie den Schmutz abgewischt hatte, sah sie, dass es sich um einen Reiseprospekt von den Seychellen handelte.
...Zwar zeigten die Fotos die üblichen Motive: Palmen

im Gegenlicht, die einem Frauentorso ähnelnde Riesennuss Coco de Mer und natürlich die markanten Granitfelsen von La Digue. Die Farben der Aufnahmen verrieten, dass es sich um einen älteren Prospekt handelte.
...Bücher, dachte Jill. Da hat also schon vor mir jemand die Idee gehabt, hier auf der Insel zu bleiben. Und allem Anschein nach hatte es derjenige recht lange ausgehalten. Eigentlich ein gutes Zeichen.
...Sie nahm sich vor, Claude nach dem Namen der Person zu fragen.
...Doch das hatte Zeit.
...Am anderen Morgen begann Jill damit, die Insel zu erkunden. Sie sah die aus Holz und Wellblech errichteten Hütten, vor denen Scharen von Kindern spielten; ihr begegneten Frauen, die vom Einkauf und Männer, die vom Fischen kamen. Niemand sprach sie an. Und weil sie sich wie eine Touristin fühlte, auch wenn sie das nicht sein wollte, ging sie wie alle Touristen schließlich zum Strand.
...Sie tauchte ins Wasser und beobachtete die Korallenfische. Danach legte sie sich eine Weile in den weißen Sand und versuchte, wie es die Psychologin ihr geraten hatte, das Leben zu genießen.


*****

So vergingen die ersten drei Tage.
...Hin und wieder juckte es Jill in den Fingern, das Handy einzuschalten. Aber wäre das nicht ein Eingeständnis, dass sie sich in Wahrheit langweilte? Also unterdrückte sie den Impuls. Stattdessen ging sie am vierten Tag zu dem kleinen Hafen La Passe, um dort, wie es die Einheimischen taten, auf die Fähre zu warten, die gegen Mittag die Tagesbesucher und die Postsäcke brachte.
...Jill erwartete weder Briefe noch glaubte sie, unter den Touristen irgendeinen interessanten Menschen zu erblicken. Doch immerhin gab sie auf diese Weise ihrem Tagesablauf feste Strukturen.
...Es war in der zweiten Woche ihres Aufenthalts, dass sie, nachdem die Post verteilt worden war, zu jenem Strand schlenderte, wo sie mit Benno vor den Granitfelsen ihre letzten Aufnahmen gemacht hatte. Und wie damals ankerte hinter dem Korallenriff eine Segeljacht. Soweit sie das aus der Ferne beurteilen konnte, war es ein schönes altes Holzschiff mit dunklem Rumpf.
...Ein Mann erschien an Deck. Er beugte sich über die Reling, holte ein Beiboot längsseits und stieg ein. Nachdem er das Boot die letzten Meter durch das flache Wasser gezogen hatte, nahm er einen Papagei, der auf

dem Boden gehockt haben musste, behutsam in seine Armbeuge und ging an Land.
...Ein Lächeln huschte über Jills Lippen, als sie sah, wie der Skipper beruhigend auf den Vogel einsprach. Der Mann hatte breite Schultern und einen schwarzgrauen Vollbart, er trug ein Khakihemd zu kurzen Hosen und eine Schirmmütze.
...Als der Skipper hinter den Felsen verschwunden war, zog Jill ihr Kleid aus und rannte ins Wasser. Nach mehrmaligem Eintauchen legte sie sich in den Schatten eines Baumes, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte in den Himmel. Zwischen den Blättern zersprang sternförmig das Sonnenlicht. Sie schloss die Augen und lauschte dem Rauschen der Wellen.
...Nach einer Weile hörte sie eine Stimme, die etwas von schwarzer und weißer Magie erzählte. Obwohl sie den Erzähler nicht sah, wusste sie, dass er sich über eine Puppe aus Kokosfasern beugte. Jill wollte ihn nach dem Wort Grigri fragen, doch plötzlich war da eine andere Stimme, und sofort war ihr klar, dass diese Stimme nicht mehr zu ihrem Traum gehörte.
...Jill öffnete die Augen. Vor ihr stand der Jachtkapitän. „Sie sollten vorsichtig sein“, sagte er.
...„Vorsichtig?“, wiederholte sie.

******

...„Ja, die Tropensonne ist gefährlich. Sie haben eine sehr helle, empfindliche Haut.“
...„Aber hier ist doch Schatten …“
...Er ging auf ihren Einwand nicht ein. Nachdenklich, in abgehackten Worten sagte er: „Ihre Augen, ungewöhnlich, ja, sehr ungewöhnlich, sie haben verschiedene Farbtönungen, im linken ist ein etwas anderes Grün. Sehr schön, aber …“
...Er unterbrach sich und deutete auf einen Busch. „Schauen Sie, ein Paradiesschnäpper! Veuve, Witwe, nennen die Einheimischen den Vogel, aber Veuf, Witwer, wäre richtiger, denn nur das Männchen trägt einen Trauerflor, das Weibchen ist nicht viel ansehnlicher als ein Spatz.“ Er reichte Jill ein Fernglas.
...Jill sah einen kleinen blauschwarzen Vogel mit einer langen Schwanzfeder, die beim Fliegen auf und nieder schwang wie der Schwanz eines Papierdrachens.
...„Wunderschön!“
...„Manche nennen ihn den Todesvogel“, sagte der Mann.
...Um darauf überhaupt etwas zu erwidern, fragte sie: „Ihr Papagei, kann der sprechen?“
...„Sprechen? Der ist doch tot. Ausgestopft.“

...„Aber Sie haben doch … ich wollte sagen, Ihr Papagei sah sehr lebendig aus, als Sie an …“ Sie biss sich auf die Lippen, doch der Mann schien den Patzer nicht bemerkt zu haben.
...„Das ist mein Können“, sagte er. „Dieses Lebendigaussehen, das kommt von den Augen, die sind nämlich beim Präparieren das Wichtigste. Das reine Haltbarmachen toter Tierkörper ist keine große Kunst.“
...Er richtete sich auf und machte kurze Schritte wie ein Lehrer in seinem Klassenraum. „Sorgfältig alles Weiche herausnehmen, den Rest mit Formalin behandeln. Anschließend nimmt man Alaun und Borax.“ Während er die chemischen Formeln der Substanzen nannte, zuckten seine Finger, als beschäftigten sie sich mit einer eiligen Arbeit.
...„Die Taxidermie ist ein altes Handwerk. Seit Urzeiten versuchen die Menschen auf diese Weise der Schönheit Ewigkeit zu verleihen. Pelztiere, Vögel, Echsen ausstopfen, das können viele. Aber an den Augen, da scheitern sie schließlich alle. Das Schwierigste sind eben die Augen. In ihnen liegt die Seele, das Gehirn, das Leben.“

*******

...Zum ersten Mal ging ein Lächeln über sein Gesicht. Was für ein seltsamer, aber auch interessanter Mann, dachte Jill, die wie gebannt zugehört hatte. Das war doch mal etwas ganz anderes als diese angestrengt flotten Reden der Männer, die sie aus der Werbebranche kannte.
...„Kennen Sie die Inseln Cousin und Cousine?“, fragte der Kapitän nach einer Weile.
...Jill schüttelte den Kopf.
...„Es gibt dort frei lebende Riesenschildkröten und seltene Vögel. In den nächsten Tagen segle ich dorthin – also, wenn Sie Lust haben.“ Er strich sich über den Bart. „Das heißt, falls Sie vorher nicht abreisen. Die meisten Besucher kommen ja nur für wenige Tage.“
...„Nein, ich bleibe noch.“
...„La Digue ist schön, aber die Leute hier …“ Er ließ den Satz offen, schaute mit zusammengekniffenen Augen in die Wolken, und Jill erkannte, dass es dieser suchende Blick war, der seinen Gesichtsausdruck geprägt hatte.
...Sie stand auf, wollte ihm das Fernglas zurückgeben.
...„Nehmen Sie’s mit. Es gibt ja so viel zu beobachten. Außerdem will ich damit erreichen, dass Sie mich besu-
chen kommen, meine Hütte ist in der Nachbarbucht

gleich hinter den Felsen.“
...
Auf dem Rückweg traf sie Claude, der seinen Ochsenkarren mit Kokosnüssen beladen hatte. Jill fragte ihn nach dem Mann mit der Segeljacht.
...„Ein Engländer. Eigentlich ist er ganz in Ordnung, außer dass er mit seinem ausgestopften Papagei redet. Der war früher Vogelwart, hat mit seiner Frau auf Bird Island gelebt, doch die ist dann gestorben.“ Claude schaute auf das Fernglas in Jills Hand. „Seine Jacht heißt Nora. Warum hast du überhaupt nach ihm gefragt?“
...„Ach, nur so.“
...Jill beeilte sich, nach Hause zu kommen. In wenigen Minuten würde die Sonne wie ein dicker roter Ball im Meer versinken, ein Schauspiel, das sie gern vom Fenster ihres Schlafraums verfolgte.
...Rasch stieg sie die Treppe hoch – und hielt inne.
...Auf ihrem Bett saß ein dicker Mann und rauchte. Sein Gesicht, das die Farbe einer reifen Papaya hatte, wurde durch einen messerscharfen Schnauzbart exakt in zwei Hälften geteilt. Der Dicke wies sich als Polizist aus. Nach der üblichen Einleitung, wie ihr die Seychellen gefielen, und Jills üblicher Antwort, die Inseln seien ein Paradies, fragte er plötzlich: „Was machen Sie hier?“


*********

...„Ferien.“
...„Und Ihr Freund, der Fotograf, wo ist er?“
...„In Deutschland. Aber er ist nicht mein Freund.“
...„So, so, ein hübsches Mädchen, ganz ohne Freund.“ Der dicke Polizist lächelte, und Jill glaubte, dass er sich jetzt als Beschützer anbieten würde. Doch dann ließ er sich nur ihren Pass zeigen, trat achtlos die Kippe aus und watschelte die Stufen hinunter.
...Vom Fenster aus sah Jill ihm nach, wie er zwischen den Palmen verschwand.
...In dieser Nacht schlief sie sehr unruhig. Einmal wachte sie auf, weil sie glaubte Schritte zu hören. Ein anderes Mal war ihr, als hätte vor dem Haus jemand mit krächzender Stimme „Jill, Jill“ gerufen.
...Lange Zeit lag sie wach. Die Begegnung mit dem Polizisten ging ihr durch den Kopf und sie überlegte, wer ihr im Falle eines Falles helfen würde, mit wem sie überhaupt reden, ja wem sie trauen konnte. Claude? Ein netter Kindskopf! Andere Einheimische hatte sie nicht kennengelernt. Von den Tagestouristen hatte sie außer dem Ausspruch, ach, so lang sind Sie schon hier, nichts gehört.

...Dann dachte sie an den Jachtkapitän. Angenehme Stimme, ernsthaft, regelrecht besorgt war er um sie gewesen. Ein Törn auf seinem Segelschiff, ein paar Tage weg von La Digue, sich endlich mal wieder mit jemandem unterhalten.
...Dieser Gedanke beruhigte sie.
...Als sie am anderen Morgen das Haus verließ, fand sie auf den Steinstufen, beschwert mit einer Kokosnuss, einen Zettel. In einer ältlichen Schrift stand dort, dass er, der Kapitän, sie, die junge Deutsche, heute am frühen Vormittag gern an Bord der Nora begrüßen würde; die Segelwinde seien günstig, und sie solle doch bitte das Fernglas und auch Sonnencreme mitbringen. Genehm wäre auch, wenn sie beim chinesischen Händler den mit Vanille aromatisierten Tee besorgen könnte ...
...Teatime in den Tropen. Jill musste schmunzeln.
...Zwei Stunden später machte sie sich auf den Weg. In ihrer Reisetasche steckten der Tee, die Sonnencreme, ein paar Kleinigkeiten und ihr Handy, auf dem sie kurz zuvor eine Nachricht an ihre Psychologin geschickt hatte.

*********

...Nach der Beschreibung des Jachtkapitäns konnte sie sein Haus nicht verfehlen. An den Elefantenfelsen vorbei, und dann sah sie es auch schon. Eigentlich war es nur eine Bretterhütte auf Steinquadern. Am Eingang blieb sie stehen: „Hallo!“
...Keine Antwort.
...Vielleicht ist er gerade dabei, das Segelschiff klarzumachen, überlegte sie. Die Tür war nur angelehnt. Doch das war normal, da niemand auf La Digue, wie sie erfahren hatte, sein Haus verriegelte. Zögernd nahm sie die zwei Holzstufen, klopfte und ging hinein.
...Auf Wandbrettern aus Treibholz standen ausgestopfte Tiere, meist Vögel, unter ihnen auch der Papagei. Einige Tiere hatten den für ihren jetzigen Zustand unnatürlich lebendigen Ausdruck, die Mehrzahl jedoch stumpfe tote Augen. Die Hütte bestand aus zwei Räumen. Die Durchgangstür stand einen Spalt offen.
...Der Holzboden knarrte, als sie den Nebenraum betrat. Es gab kein Fenster, und es dauerte eine Weile, bis sie sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte. Jill sah eine Werkbank mit Flaschen und Farbtöpfen, Pinseln, Messern und Schabern. Die Flüssigkeiten in den Reagenzgläsern und Schüsseln füllten die Luft mit einem süßlichen Geruch. Es war stickig und heiß.

...Jill wollte den Raum schon wieder verlassen, als ihr Blick auf ein Gemälde fiel. Um das Bild besser betrachten zu können, zündete sie zwei Kerzen an, die in Wandhaltern steckten. Es war das Porträt einer Frau mit dunklen Haaren und hübschem, blassem Gesicht. Auf einem Sockel über dem Gemälde stand ein Vogel, dessen lange, geschwungene Schwanzfeder wie ein Trauerflor über dem Bilderrahmen hing – der berühmte Seychellen-Paradiesschnäpper, auch „Witwe“ genannt.
...Die Kerzen flackerten in der Zugluft, und der Vogel, der das Gemälde gleichsam schmückte und bewachte, schien sich zu erheben. Ein schönes, aber auch sehr trauriges Bild. Nur schnell hinaus in die Sonne.
...Und hin zum Strand. Kapitän Bird, wie Claude ihn genannt hatte, wartete schon auf sie. Er deutete auf das Beiboot, warf den Außenborder an und hielt Kurs auf die Segeljacht, die hinter dem Korallenriff ankerte.
...„Danke für die Einladung“, sagte Jill, als sie längsseits der Jacht anlegten.
...„Schön, dass Sie die Einladung angenommen haben. So kurzfristig, meine ich. Aber laut Voraussage wird sich der Wind in den nächsten Stunden drehen, dann wäre der Ankerplatz hier nicht mehr sicher – deshalb so plötzlich. Sorry!
...„Macht nichts! Ich liebe spontane Entscheidungen.“

.

**********

...Er half ihr, an Bord zu klettern. Zuletzt reichte er ihr die Reisetasche an. „Wir wollen die Morgenbrise nutzen. Die erste Meile geht es mit Motorkraft, danach können Sie mir helfen, die Segel zu setzen.“
...„Gern!“
...„Legen Sie Ihre Sachen in die Kajüte.“
...Die Jacht schaukelte und als Jill den Niedergang hinunterging, pendelte die Kajütentür so stark, dass sie hinter ihr ins Schloss fiel. Nur undeutlich nahm Jill die Umgebung wahr. In der Mitte gab es einen Tisch, an den Seiten gepolsterte Sitzbänke. Offenbar war dies der Platz, der dem Kapitän vorbehalten war.
...Plötzlich hatte Jill das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie drehte sich um und ging auf einen Vorhang zu, der einen Teil des Raumes abtrennte. Wie unter Zwang hob sie das Tuch an, dann riss sie es entschlossen zur Seite.
...Jill spürte, wie sich ihre Kopfhaut zusammenzog. Sie erstarrte.
...In einer der beiden Kojen, die spitz auf das Heck zuliefen, lag eine ältere Frau mit dunklen Haaren, die sie mit weit geöffneten Augen anschaute, die grell rot geschminkten Lippen waren leicht geöffnet, als wolle sie etwas zu sagen. Während Jill noch immer wie gelähmt dastand, glaubte sie eine Stimme zu hören,
allerdings die eines Mannes und sie schien aus ihrem eigenen Kopf zu kommen: „Sprechen? Der Papagei ist doch tot. Ausgestopft! Das ist mein Können.“

...Jill schrie auf, und im selben Moment, wie es ihr früher oft in ihren Alpträumen passiert war, konnte sie sich wieder bewegen.
...Die Reisetasche. Da lag sie. Jill durchwühlte sie. Fand den Tee, die Sonnencreme, aber das Handy war nicht darin.
...In Panik stürzte sie zur Kajütentür.
...Sie ließ sich nicht öffnen.
...Doch durch einen Spalt im Oberlicht konnte Jill den Kapitän sehen; mit der rechten Hand hielt er das Steuerrad, mit der linken ihr Mobiltelefon – auf der glänzenden Oberfläche spiegelte sich die Tropensonne.


*

„Und diese SMS deiner Patientin?“, fragte ich, als meine Kollegin sich wieder zu mir legte. „Hoffentlich eine gute Nachricht.“
...„Und ob“, sagte sie und reichte mir lächelnd das Handy.

Genieße die Zeit auf La Digue.
Habe einen väterlichen Freund gefunden.
Machen einen Törn.
Vielen lieben Dank für Ihren Ratschlag,
Jill



- Ende -


Aktualisiert am 15. Juli 2017 | kontakt@niklaus-schmid.de

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü