Niklaus Schmid


Direkt zum Seiteninhalt

Februar

Monatstexte<<<<


Formentera
Eine Insel auf dem Weg zur Legende


Auszüge aus "Formentera - Der etwas andere Reiseführer"


Wie war das noch mal mit dem Wikingerprinz Sigurd, den maurischen Piraten und Bob Dylans Schafwollpullover? Diesen Fragen gehe ich in meinem Buch "Formentera - Der etwas andere Reiseführer" nach. Mal berichte ich aus der Vergangenheit, beispielsweise von den Phöniziern, die auf der Insel die ersten Salzbecken bauten, oder von den Arabern, die ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem anlegten. Dann wieder springe ich zurück in die Gegenwart, erwähne neuzeitliche Legenden, schreibe über die Tier- und Pflanzenwelt oder erzähle Geschichten von Künstlern und Charakterkäuzen. Auszüge, wie gesagt, und zwar im monatlichen Wechsel.

Februar

Vom Berner Bürgerschreck René ...

Als ich 1977 nach Formentera kam, war die Hippiezeit vorbei. Auf Ibiza spielte Eric Clapton - später auch Bob Marley - in der Stierkampfarena vor noch einmal verwegen herausgeputztem Publikum. Doch der Traum, die Welt durch Gitarrenmusik, Flower-Power und ein friedliches Pfeifchen Gras verändern zu können, war bereits ausgeträumt.

Die Freaks waren an die Werkbänke, an die Hochschulen und in die Büros zurückgekehrt. Auf Formentera hielten sich noch ein paar versprengte Seelen. Ob man sie als Hippies bezeichnen konnte, weiß ich nicht. Jedenfalls waren sie Außenseiter, Unangepasste. Zu ihnen gehörte ganz sicher René E. Mueller.

Dieser Berner Bürgerschreck war mit einer Fünfzehnjährigen, die er aus einem Erziehungsheim in Chur „befreit“ hatte, nach Formentera gekommen.

... einem Engel der Straße ...

Kaum auf der Insel, verlor er das Mädchen an einen Wanderprediger. In einer Finca bei San Fernando schrieb René, unterstützt von Friedrich Dürrenmatt und dem Schweizer Waffenkönig Bührle, Gedichte und den wildbewegten autobiografischen Roman „Engel der Straße“. Als das Buch gedruckt war, machte der Verlag Pleite. René kaufte die Auflage zum Altpapierpreis auf, verhökerte die Bücher einzeln auf der Fonda-Terrasse und setzte den Erlös an der Theke um.

„Ich habe noch was zu verlieren – meine Erinnerung“, schließt Renés Buch. Dieser Satz passt als Übergang.


... und einem Rollschuhfahrer auf dem Weg zu seinem Guru


Es stimmt, dass viele Sonderlinge der Insel den Rücken gekehrt haben. Aber Tatsache ist auch, dass stets neue auftauchen und dass Verrückte und Genies, genau wie Goldene Zeitalter, immer erst mit Verspätung als solche erkannt werden. Manche blieben einfach nur nicht lange genug hier, um sich als Inseltypen ins Gedächtnis zu prägen.

Erst gestern sah ich einen, der von Kopf bis Fuß in Schafwolle gekleidet war, einschließlich langer Strickhosen, und auch sein Fahrrad hatte eine Satteldecke aus Schafwolle. Wenig später sah ich einen Burschen mit Rollschuhen in Schussfahrt die Serpentinen von La Mola nehmen. Er habe einen Termin bei seinem Guru, rief er über die Schulter. Mit ein bisschen Glück, falls er vorher nicht im Graben landet, kommen wir doch noch ins Gespräch.

"Schickt Leute aus, die Charaktere sammeln sollen!", forderte vor über zweihundert Jahren der Physiker und Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg. Auf Formentera würden Sammler fündig werden - immer noch.

Fortsetzung folgt...

< zurück zu Bücher

<< zurück zur Startseite


Aktualisiert am 15. Februar 2018 | kontakt@niklaus-schmid.de

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü