Niklaus Schmid


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Goldstück

Neue Story Nr. 3<<<


Mein Goldstück


Spielen Sie Lotto? Dann sollten Sie mal gut zuhören. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist äußerst wichtig. Es kann über Leben und Tod entscheiden. Zweifeln Sie nicht an meinen Worten. Das hat meine Frau auch getan; gelacht hat sie über mich — bis ihr das Lachen im Halse stecken blieb. Und genau in diesem Augenblick hat sie mich ernst genommen, zum ersten Mal nach vielen Ehejahren. Ein bisschen spät, finden Sie nicht auch?

I.

Es begann an einem Tag wie jedem anderen: Der Fernseher lief, das Abendessen hatte aus belegten Broten bestanden, meine Frau hielt die Fernbedienung im Schoß, und ich blätterte in einer Zeitschrift. Ein ganz normaler Feierabend, wie gesagt, bis ich dann auf diesen Artikel stieß.

*

Da meine Frau beim Fernsehen nicht gern gestört wird, gleichzeitig aber neugierig ist, zog ich, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, anerkennend die Luft durch die Zähne, einmal und noch einmal.
...„Du nervst, Hermann, hör mit dem blöden Zischen auf!“
...„Entschuldigung, Helga, Sekunde nur, aber ich denke, das hier wird dich interessieren.“ Ich las ihr die fett gedruckten Zeilen vor: „Lottoglück für jedermann. Völlig neues Gewinnsystem …“ Weil sie zum Fernseh-
apparat deutete, senkte ich die Stimme: „… Wissen-
schaftlern ist es gelungen, ein revolutionäres …“
...Weiter kam ich nicht. Sie hatte zugeschlagen, mit dem langen Zimmermannsbleistift, den sie immer benutzt, um die Gewinnzahlen auf ihrem Lottoschein einzukreisen.

Es stimmt, die Lottoziehung hatte gerade angefangen. Aber war das ein Grund, mich wie eine lästige Fliege zu klatschen?
...Ich rieb mir den Handrücken und schaute wieder in die Zeitschrift. Es war eine dieser getarnten Anzeigen, die erst auf den zweiten Blick als Werbung zu erkennen sind. „Sechs Richtige!“, jubelte da ein Leserbrief-
schreiber. „Jetzt brauche ich mich nicht mehr schikanieren zu lassen, von keinem Menschen, jetzt bin ich mein eigener Herr.“ Von „persönlicher Freiheit“ war die Rede, von einem „Spiel ohne Risiko“. Ich las den Text ein weiteres Mal, und auf einmal bekamen die Worte für mich eine völlig neue Bedeutung.
...Als die Ziehung der Lottozahlen vorbei war und Helga den Ton leiser gestellt hatte, räusperte ich mich:


**

...„Hast du was gewonnen?“
...Statt einer Antwort zerknüllte sie den Lottoschein.
...„Also, wieder nichts mit der Million. Tut mir leid für dich, Helga.“
...„Hör auf!“, knurrte sie. Doch ich ließ mich nicht einschüchtern.
...„Was ich eben noch sagen wollte: Bei uns in der Verwaltung, da spielt einer nach solch einem neuen wissenschaftlichen System, Computerauswertung und so.“
...„Na und! Ist der etwa Millionär?“
...„Das nicht, aber zweimal hat er in letzter Zeit vier Richtige gehabt.“ Als sie keine Reaktion zeigte, sprach ich weiter: „Ist nicht billig so ein System. Aber der Kollege schuldet mir noch einen Gefallen; ich könnte ihn mal fragen, ob er…“
...„Geschenkt! Du weißt doch genau, dass ich seit Jahren einen Standardtipp habe. Die Zahlen krieg ich nie mehr aus meinem Kopf raus. Und da sollte ich


die
Zahlenreihe wechseln?“ Sie schnaufte unwillig.
...„Verstehe. Vielleicht sollte ich es dann mal mit diesem System versuchen.“
...Ich sah, wie sich ihre Augen verengten. Langsam erhob sie sich aus dem Sessel, näherte sich und stand dann bedrohlich neben mir.
...„Du? Was würdest du denn mit dem Geld anfangen können? Eine Weltreise? Schöne Frauen in Rio? Ach, humpeliges Hermännlein!“ Sie lachte schadenfroh. Dabei spitzte sie den Mund in der Art, wie man zu kleinen Kindern spricht. „Fürs Bier langt’s doch. Oder fehlt dir was?“
...„Nein, nein, Helga.“
...„Na, also.“ Und nach einer Weile, milde gestimmt durch meine Unterwürfigkeit, sagte sie: „Kannst ja mal die Zahlenreihen von deinem Kollegen mitbringen.“
...„Mach ich.“

***

Am übernächsten Tag war Kegelabend. Ich bin kein begeisterter Kegler, aber es ist der einzige Tag der Woche, an dem ich mit gutem Grund später nach Hause kommen kann. Auch fördert es den Umgang mit den Kollegen. Schon deshalb könnte ich mich nicht ausschließen. Das heißt, in Wirklichkeit muss ich ja froh sein, dass sie mich mitmachen lassen; ich mit meinem Bein bin schließlich nicht der eleganteste Spieler.
...Als Kollege Dankert aus der Verwaltung einen Kranzwurf hinlegte, sagte ich: „Das war eine tolle Kugel, Dirk.“
...„Wenn du als unser Pudelkönig das sagst.“
...„Die Pudelrunde zahle ich, kein Thema.“ Nachdem ich der Bedienung meine Bestellung zugerufen hatte, sagte ich: „Was ich fragen wollte: Du arbeitest doch an einem Computer?“
...„Soll ich dir die Fahrstrecke ausrechnen? Oder einen Plan machen, wo du vor den Haltestellen bremsen musst?“

...Ich sagte ihm, dass ich gern einen Papierausdruck hätte, so zwei, drei geheftete Blätter mit Zahlen-
kolonnen drauf. Es sei für ein Spiel.
...Die anderen Kollegen riefen schon. Ich war an der Reihe. Als ich mir eine der kleineren sogenannten Frauenkugeln schnappte, rief Dankert mir nach: „Hau rein in die Vollen! Und mit dem Ausdruck, das geht in Ordnung.“

*

In den folgenden Wochen fuhr ich wie eh und je die Linie 901, fühlte mich aber wie ein Wissenschaftler, der ein Insekt beobachtet. Helga spielte mit den neuen Zahlen, die ich ihr gab. Zum allerersten Male während unserer fast zwanzigjährigen Ehe tat sie, was ich wollte. Es war ein berauschendes Gefühl. Nur eine Kleinigkeit fehlte noch, um mein Glück vollkommen zu machen: sie sollte wissen, dass sie nach meiner Pfeife tanzte.

Fortsetzung folgt..
.


Aktualisiert am 15. Februar 2018 | kontakt@niklaus-schmid.de

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